Halt mich

Diese goldenen Herbsttage hatte er erst mit den Jahren zu schätzen gelernt; war ihm früher der Herbst als Vorbote des Winters verhaßt, so empfand er ihn jetzt wie einen freundlichen Abschiedsgruß des Sommers und genoß es, noch jede warme Stunde auszukosten. Die freien Tage brachte er mit Spaziergängen zu oder las auf einer sonnigen Parkbank oder saß nur einfach da. Seit seiner Pensionierung hatte er viel Zeit. Selten genug, daß er mit jemandem sprach.
Aber mit ihr war er ganz leicht ins Gespräch gekommen. Er erinnerte sich genau, eigentlich war es ja sogar sie gewesen, die ihn ansprach. Nach der ersten Runde im Park waren ihm die Beine müde geworden und da alle Bänke besetzt waren, hatte er sich ein Herz gefasst und sich zu der Dame gesetzt, die ihm die Interessanteste schien. Ein paar höfliche Worte und er nahm am anderen Ende der Bank Platz. Sie hatte ihm freundlich zugelächelt und sich dann weiter mit ihrem Strickzeug beschäftigt, während er die Zeitung aus der Mappe holte, entfaltete und noch einmal den Aufmacher las. Nicht lang.
"Ja haben sie auch von diesem Killer gelesen?" wandte sie sich an ihn. Die unheimliche Serie von Raubmorden war das Stadtgespräch und gerade erst war wieder ein Rentner vergiftet aufgefunden worden. "Es ist ein Skandal, daß niemand etwas dagegen tut!" Die gemeinsame Empörung über die feige Niedertracht verband sie und machte ihn gesprächig. Bald gestand er ihr die Ängste seines einsamen Lebens, während sie ihm ihre Vorsichtsmaßnahmen gegen Betrüger erklärte: "Ich frage mich bei jedem Menschen, was will der von mir? Ist es Sympathie oder etwas anderes? Und das Wichtigste ist, zu wissen, was man selber will. Wenn man daran denkt, ist man sicher und erfolgreich."
Sie hatten noch weiter geplauscht und obwohl sie fast in seinem Alter war, wirkte ihre Nähe auf ihn wie ein Jungbrunnen. Er traf sie am nächsten Tag wieder dort und auch am folgenden und bald schon ging er ihretwegen aus dem Haus, selbst wenn es kühl war. Wie gestern, wo sie sich über die Kälte beklagte und er endlich den Mut fand, sie einzuladen auf Kaffee und Kuchen. Wie unruhig er seither war!

Extra für sie hatte er den teueren neuen Schonkaffee geholt, aber nun ärgerte er sich darüber, ein Fehlkauf - so eine komischer Geschmack! Ganz gegen seine Gewohnheit gab er noch zwei Löffel Zucker dazu. "Bitte, ich muß sie um Entschuldigung bitten für meinen Kaffee, ein bittres Pulver ist in dieser Brühe." War sie zusammengezuckt? Oh, wenn sie es nur nicht übel nahm! "Ach, daß sie mich nicht falsch verstehen, ich kaufe die Marke ja sonst nie, aber für sie sollte doch nur das beste auf den Tisch." Ein Glück, ihre Züge glätteten sich wieder und mit dem warmen Lächeln, daß in ihre Augen zurückgekehrt war, versicherte sie, es sei doch gar nicht so schlimm. Er gab auch ihr noch etwas Zucker. Mein Gott, wie ängstlich er um sie war! Sie hatte ganz recht, es war wichtig, sich über die eigenen Motive klar zu werden. So eine warme Woge stieg in ihm auf, es war ganz einfach: er hatte sich verliebt. In seinem Alter nochmal verliebt, wie lange hatte er daran nicht einmal mehr gedacht. Und jetzt brauchte er es sich nur einzugestehen, schon spürte er, wie etwas sich in ihm öffnete, das so lange verschlossen war. Ganz wie beim ersten Mal, diese Süße, dieser Taumel. Ihm wurde ja so schwach, ach, ob er es wagen durfte? Wenn sie sich nur nicht von ihm belästigt fühlte, ihn nur nicht zurückstieß, wenn er sich jetzt immer dichter an sie lehnte. Wie leicht ihm sein Herz wurde, nur weil er der Schwere nachgab und seinen alten Schädel auf ihre Schulter sinken ließ. Und alles war gut, als sie ihre Arme um ihn legte und ihn weich bettete im Duft ihrer warmen Brust. Mit einem seeligen Leuchten auf dem Gesicht schloß er die Augen.

Die Männer wurden doch am Ende wieder zu kleinen Kindern. Sie wiegte ihn in ihren Armen, streichelte seine Wangen und lauschte seinem Atem. Erst als er ganz ruhig war, legte sie den Kopf auf ein Sofakissen und stand auf. Sie war voll Ruhe und Zärtlichkeit, und doch war da auch eine Wehmut. Er war im Grunde ein guter Kerl.

Aber in einer Welt, die ihre Alten, sobald sie zu schwach waren, sich noch zu wehren, in solche Heime steckte und ihnen mit diesen maßlosen Pflegesätzen Rate für Rate die Ersparnisse aus der Tasche zog, bis sie ausgeplündert auf irgendeinem Krankenhauskorridor verröchelten, war es besser so. Die Preise stiegen und man mußte eben zusammenlegen. Da war es: Sparbücher und viel Bares. Dies Vertrauen der alten Herren in Zigarrenkisten in der Schreibtischschublade wunderte sie jedesmal von neuem.
Wenn schon sterben, dann in deinen Armen, hatte ihr Verflossener damals gesagt. Sie hatte es beherzigt. Und was für ihn gut gewesen war, war es auch für die anderen.


©1993, Daniel Plänitz



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Daniel Plänitz